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2001 - 2002  Ein Bericht von Angelika Stammel


Berner Sennenhund "Zoe", 3 Jahre alt, 50 kg schwer:  

Mein erster und der bislang interessanteste Fall in meiner Praxis.


Zur Vorgeschichte: Zoe wurde am 25. Jan. 2001 läufig.  Die Läufigkeit dauerte nur 15 Tage. Sechs Wochen später stellte sich eine Scheinträchtigkeit ein. Am 05. 04. wurde die Tollwutimpfung vorgenommern (Candur P, Madivak) Am 19. 04. wurde Candur SHL nachgeimpft. Die Impfungen wurden deshalb auf zweimal vorgenommen, weil Zoe immer eine sehrstarke Impfreaktion zeigte.  Nach der zweiten Impfung war Zoe auch dieses Mal sehr schlapp, appetitlos, und sehr schlecht drauf. Nach 2 ½ Wochen brach sie plötzlich von einem Moment auf den anderen zusammen und bekam Krämpfe. Die Besitzer brachten sie völlig verkrampft mit Streckkontraktur zu Ihrer Tierärztin. Diese stellte fest das die Hündin 40 Grad Temperatur hatte, gab ihr zwei Spritzen und schickte sie sofort weiter in die nächste Tierklinik. Dort wurde Zoe stationär aufgenommen und nach der Ursache gesucht. Eine endgültige Diagnose konnte aber leider nie gestellt werden. Die Tierärzte vermuteten: Meningoencephalitis oder Rückenmarksinfarkt. Nach 3 Wochen war zwar das Fieber gesenkt, aber die Hündin nach wie vor auf allen 4 Gliedmaßen gelähmt. Sie konnte  sich nicht selbstständig aufrichten und wenn Sie aufgestellt wurde, sank sie sofort wieder in sich zusammen. Da Zoe 3 Wochen nur gelegen hatte und auch nicht die  Leichteste ist, hatte sie bereits an beiden Flanken große Wunden, wobei die Eine eher einer Risswunde glich. Die Tierärzte gaben auf und gaben den Besitzern den Rat das Tier euthanasieren zu lassen. Am selben Tag war meine Eröffnungsanzeige in der Zeitung. Der Besitzer hat sie ausgeschnitten, dem Tierarzt gezeigt und angefragt ob dies nicht noch eine Chance für Zoe wäre. Der Tierarzt machte dem Besitzer zwar keine große Hoffnung, sagte aber dass man es versuchen könnte.


So entließ er Zoe am Samstagvormittag,den 26.05.2001 sehr skeptisch in meine Obhut.


01. Behandlungstag, 26.05.2001:

Bei meinem Eintreffen lag kein Hund, sondern ein Bild des Jammers vor mir auf der Terrasse, daneben zwei weinende Besitzer. Der Hund lag auf der Seite, das Fell stumpf, die Augen trüb und traurig. Die Muskulatur am ganzen Körper stark atrophiert, an den Flanken bds. fünfmarkstück - große Wunden. Das einzig positive waren an drei Gliedmaßen ganz leichte Zwischenzehenreflexe und es lag keine Inkontinenz vor. Zoe zeigte mit leisem winseln an, wenn sie mal musste. Hinten links jedoch keinerlei Reaktion. Die Gliedmaßen hingen schlaff und wurden nicht gehalten. Am liebsten hätte ich auch geheult! Da Zoe erst seit zwei Stunden aus der Klinik zuhause war, wollte ich Sie nicht gleich wieder plagen und habe Ihr lediglich eine wohltuende Ganzkörpermassage verpasst.

Mit den Besitzern habe ich tägliche Hausbesuche vereinbart und bin dann schwer demoraliesiert nach Hause gegangen. Mein erster Fall und dann gleich so etwas aussichtsloses. – Dachte ich !


02. Behandlungstag, 27.05.2002:

Als ich an diesem wunderschönen sonnigen Sonntagnachmittag ankam, lag Zoe wieder auf der Terrasse. Die Augen waren schon etwas klarer und ich wurde sogar mit leichtem Wedeln ihrer weißen Schwanzspitze begrüßt.

Behandlung – 30 Min. Magnetfeldtherapie Stufe I, Massagen, passive Bewegungsübungen, Zwischenzehenreflexe ausgelöst: Reaktion hi. Li. 0, die restlichen drei Gliedmaßen haben leicht gezuckt


03. Behandlungstag, 28.05.2002:

Behandlung s.o. Außerdem haben wir Zoe mit vereinten Kräften auf den Bauch gelegt, wobei sie sich einige Minuten auch halten konnte.


04. Behandlungstag, 29.05.2002:

Heute wurde ich in Platzstellung, den Kopf getragen und schwanzwedelnd begrüßt. Jetzt hätte ich vor Freude heulen können. Behandlung: s. o. Beim Auslösen der Zwischenzehenreflexe sehr gute Reaktion an den drei Gliedmaßen. Zoe zog ihre Beine das erste Mal zurück. Hi. Li. nach wie vor keine Reaktion. Nun wollte ich das erste Mal versuchen Zoe aufzusetzen, wobei sie sogar mit den Vorderbeinen leicht mitgeholfen hat. Mit der Hausaufgabe an Herrchen, mit Zoe aufsitzen zu üben, verabschiedete ich mich heute.

Ich nahm mir vor morgen mit einer Reizstrombehandlung an der li. Hintergliedmaße zu beginnen.


05. Behandlungstag, 30.05.2002:

Zur Begrüßung bekam ich heute eine erfreuliche Vorstellung zu sehen. Zoe kann sich vorne alleine aufsetzen, wenn Herrchen am Popo stützt. Auf meinen Rat hatten die Besitzer mittlerweile auch selbst ein Magnetfeldgerät gemietet, damit der Hund mehrere Male am Tag damit behandelt werden kann, was sie sichtlich genießt. Sie hat wieder richtig glänzende Augen, das Fell beginnt auch wieder zu schimmern und die Hündin ist total lustig drauf. Sie beginnt jetzt natürlich Herrchen nach Strich und Faden zu beschäftigen.

Behandlung: Massagen, passive Bewegungsübungen alle 4 Gliedmaßen, Reizstrom-Therapie li. Hinterbein (nur distal nicht an der WS). Gleichzeitig habe ich die Zwischenzehenreflexe mit einem Elektroakupunkturgerät gereizt. Dann haben wir Zoe aufgestellt und zum gehen animiert. Tatsächlich konnte Sie mit Unterstützung der Hintergliedmaßen auf den drei funktionierenden Gliedmaßen ca. 3 Schrittchen gehen!


06.-09. Behandlungstag:

Behandlung: s. O.,  Hi li. leider immer noch keine Reflexe. Beim Gehen übernehme ich die Funktion des Beines. Mit einem breiten Schal in der Kniekehle führe ich die Gliedmaße im Rythmus nach vorne und achte darauf dass die Pfote nicht überkötet, sondern richtig aufgesetzt wird. So schafft Zoe jeden Tag ein paar Zentimeter mehr.


10. Behandlungstag:

Behandlung:  s.o.,  Großer Jubel ! Bei der Reizstromtherapie zeigt die li. Hinterpfote eine leichte Reaktion! Sie spreizt die Zehen mit den Intervallen. Als ich sie dann mit dem Elektroakupunkturgerät noch geärgert habe, zog Zoe  die Pfote leicht zurück!

Sie schafft jetzt ca 5m wenn ich die Funktion des li. Hinterbeines übernehme.


11. Behandlungstag:  

Heute hat mich Zoe sitzend begrüßt und sogar Anstalten gezeigt, aufzustehen um mir entgegen zu laufen. Das hat sie zwar nicht geschafft, dafür aber konnte sie beim Pippi das erste Mal die Hocke halten.

Behandlung: s.o. und noch ein weiterer Fortschritt! Als ich sie mit dem E-Akupunkturgerät an der li. Hintergliedmaße zwischen den Zehen ärgere, schlägt sie heftig mit dem Bein nach hinten aus.


11. – 16. Behandlungstag:  

Zoe macht täglich Fortschritte, schafft jetzt ca. 20 m. Damit sie weiter zur Bewegung animiert wird, gehen wir jetzt mit Ihr auswärts auf einer einsamen Waldlichtung Gassi. Sie steht jetzt auch schon alleine auf und geht 2 Schritte alleine - auch mit dem li. Hinterbein. Zum Kot absetzen steht sie jetzt mit Buckel ebenfalls ohne Hilfe.

Behandlung:  weiterhin Magnetfeldtherapie, Massagen, Reizstromtherapie li. hi.. Außerdem beginnen wir heute mit isometrischen Übungen und propriozeptivem Training. Aquatraining haben wir in Planung genommen und einen Termin dafür im Sohlengrund ( Rehazentrum für Pferde mit Aquatrainer) vereinbart.


16. – 22. Behandlungstag:

Behandlung: s.o. + zusätzlich 2 mal wöchentlich Aquatraining im Sohlengrund.


23. Behandlungstag:

H u r r a   ! ! !   G r o ß e r   J u b e l !!!

Zoe steht bei meinem Eintreffen zur Begrüßung das allererste Mal alleine ganz auf und kommt schwanzwedelnd auf mich zugelaufen. Noch rudernd mit der linken Hintergliedmaße und sehr wackelig aber immerhin alleine. Herrchen hat mich umarmt und geheult. Ich habe gleich mitgemacht und dann hat Herrchen eine Flasche Sekt geköpft.

Behandlung: Wir sind heute mit Zoe wieder in den Wald gefahren und haben unterwegs Halteübungen gemacht. Da die Adduktion des li Hinterbeines nicht richtig funktioniert, rudert Zoe mit dem Bein schwer herum und hakt dabei des öfteren rechts ein. Dennoch hat die Hündin eine halbe Stunde locker geschafft.

Mit Herrchen habe ich vereinbart nun nur noch jeden 2. Tag zu therapieren.


25. – 32. Behandlungstag:

Zoe konnte jeden Tag etwas länger Gassi gehen. Im Aquatrainer macht sie sehr schön mit. Sie hat auch begonnen wieder zu galoppieren. Zur Begrüßung bringt sie mir jetzt immer ein Spielzeug, und bevor ich nicht mindestens mit ihr eine Runde um den Tisch oder im Garten gedreht habe, gibt sie keine Ruhe.

Behandlung: Reizstrom jetzt nur noch an den Adduktoren, weiterhin die Massagen zur Lockerung der überstrapazierten Muskulatur und tonisierende Massagen am linken Hinterbein. Das propriozeptive Training machen wir nun auf dem Schaukelbrett. Tägliche Magnetfeldbehandlungen haben wir beibehalten.


33. Behandlungstag:

Zoe kann jetzt auch alleine die Treppen steigen und auch ohne Hilfe wieder runtergehen. Die Adduktoren funktionieren nach wie vor noch nicht 100%.

Ich habe Herrchen schon mal sanft darauf hingewiesen, das diese leichte Behinderung evt. auch bleiben könnte. Er wollte jedoch noch nicht aufgeben und bat mich weiter zu machen.

Behandlung : von nun ab auf zweimal pro Woche reduziert: Massagen, Magnetfeld-therapie, Reizstrom an den Adduktoren, Isometrische Übungen, propriozeptives Training auf dem Schaukelbrett, Aquatraining. Übungen mit dem Tetraband.


15. 11. 2001:

Zoe ist eigentlich wieder die Alte, aber wie ich schon befürchtet hatte, ist die  leichte Behinderung am li. Hinterbein geblieben. Sie hakt zwar nicht mehr ein, aber sie rudert damit wie ein Kind das einen Sichelfuß hat. Doch damit kommt der Hund sehr gut klar. Da Zoe`s Muskulatur sehr schön aufgebaut war, haben wir vereinbart, dass ich ab jetzt nur noch einmal pro Woche eine lockernde Massage vornehme.


18.12. 2001:

Es ist alles so wunderbar, dass ich mir für heute vorgenommen habe die Behandlung von Zoe zu beenden. Herrchen wollte zuerst protestieren: "Wir haben uns doch so an sie gewöhnt, Sie können doch jetzt auf einmal gar nicht mehr kommen!" Nachdem ich aber versprochen hatte, dass wir wenigsten 2 Mal pro Monat miteinander Gassi gehen, war er einverstanden.


Zoe`s guter Zustand ist bis heute stabil geblieben. Ein großes Lob an Zoe´s Herrchen, der mit so viel Hoffnung, Energie und Liebe seinem Hund wieder zu einem normalen Leben verholfen hat! Die physiotherapeutische Behandlung wäre ohne seine Hilfe niemals möglich gewesen. Auch ich habe diesem Herrchen eine sehr gute Erfahrung zu verdanken!