Physiotherapie im Kuhstall?

Meine Tierärztin brachte mich auf die Idee und heute in den Kuhstall!


Ein Bericht von Anke Wiedenroth aus dem Jahre 2006


Hintergrund ist folgender: Nach der Geburt eines Kalbes kommt es teilweise zu Verschiebungen des Beckens. Die Kühe werden dann meist nicht mehr besamt und gehen direkt zum Schlachter, da das Risiko für die nächste Geburt zu hoch ist.

Bei guten Milchkühen ist das ein herber Verlust für den

Landwirt. Zudem kommen teils ungeklärte Lahmheiten vor, die die Kühe an ausreichender Futteraufnahme hindern und damit ihre Leistungsfähigkeit

mindern.

Ich war heute bei drei Kühen, hier der Bericht:

Paco ist eine 5jährige Kuh. Anstatt im Stroh kalbte sie vor 8 Wochen auf dem blanken Beton (die Kühe dieses Stalles können es sich aussuchen,

haben einen Offenstall. Die Kühe kalben sonst im Stall im Stroh, Paco ging hinaus). Das Kalb kam tot zur Welt, Paco blieb liegen. Das Blutbild

ergab nichts, der CK-Wert war normal! 2 Wochen lang ließ sie sich nur von den Bauern auftreiben, lag viel, konnte aber stehen, wollte nur

nicht laufen. Nach 2 Wochen begann sie wieder zu laufen. Ein Bein "funktionierte" wohl nicht richtig. Beim Rückwärtsgehen war sie

unkoordiniert und kreuzte die Hinterbeine.

8 Wochen nach der Geburt merkte die Tierärztin dass das Becken komisch stand, aber Paco läuft, springt und galoppiert sogar wieder.

Mir wurde Paco als sehr unwirsch vorgestellt. Zu unser aller Verwunderung blieb sie bei der Palpation aber stehen und genoss sie

sichtlich. Das Becken war stark nach anterior gekippt, dabei aber fast symmetrisch geblieben, also keine Kippung um die linke oder rechte

Achse. Der Muskeltonus war relativ niedrig, wie der Vergleich an anderen Kühen zeigte. Die Stresspunkte rund ums Tuber Coxae und der 16. oder

19. SP (das war für mich leider nicht festzustellen) waren vorhanden und fühlten sich wie sehr großflächige, brettharte Einlagerungen in die

Muskelstränge an.

Nach Massage und dankbaren Blicken der Kuh versuchte ich das Becken mittels Schweif/Schwanz-Schwingens leicht zu bewegen. Die entstehenden

Krepitationen waren gewaltig. Auf der Gegenseite das Gleiche. Ich zeigte die Krepitationen der Tierärztin. Sie schienen vom ISG zu kommen. Die

Kuh zeigte keinerlei offensichtliche Schmerzhaftigkeit.

So leid es uns um Paco tat, diese Kuh kann unmöglich nochmal besamt werden, die Schmerzen und Folgen einer Geburt könnten heftig sein.

Sobald die Milchleistung nachlässt, wird sie geschlachtet. Es besteht wohl die Möglichkeit sie zu sezieren.

Woher die Beckenstellung kommt bleibt rätselhaft. Käme sie vom Festliegen hätte das Becken doch eher einseitig rotieren müssen?

Vielleicht ist sie beim Rückwärtsgehen gestolpert und mit den Beinen unter sich gelandet. Anders kann ich mir diese Stellung kaum erklären.

Vielleicht haben auch irgendwelche Bänder nachgegeben?



Im nächsten Stall gab es ausschließlich Holstein-Friesian-Kühe. Diese sind laut meiner Tierärztin eine unmögliche Zucht, da die Milchleistung

zwar gut, der Körperbau der Kühe aber unmöglich ist. Und ich war schockiert. Ob Fehlstellungen der Beine, schiefe Becken, gekippte

Lendenwirbelsäulen - es war ein Graus. All diese Kühe hatten praktisch keine Muskulatur auf dem Rücken, alle Knochen schienen fast bandartig

miteinander verbunden.


Die erste hier zu behandelnde Kuh war Sonne, ca. 6 Jahre alt.

Sonne zeigt Symptome, die dem Shivering-Syndrom ähneln. Beim Rückwärts- oder Wendungen gehen abduziert sie die Hinterbeine, zittert dabei und setzt sie recht unbeholfen wieder auf.

Das Becken war stark nach links gekippt, das Kreuzbein zeigte eine Nutation.Massage und eine vorsichtige Mobilisierung (mittels Reflexen

und anschließend gab mir Sonne sogar ihren Hinterlauf..) zeigten Besserung der Beckenstellung, aber nicht des Gangbildes. Wirbel und

Sacrum waren unglaublich fest und kaum zu bewegen.



Eine weiter Kuh zeigte einen "Buckel" im Bereich Th 6-10. Die 3jährige Kuh hatte ebenfalls kaum Muskeln, nur um die Aufwölbung herum war weiche, wie

aufgequollen wirkende Muskulatur zu spüren. Der Bereich war warm, aber nicht schmerzhaft. Der "Buckel" war vor 2 Wochen nach der Geburt aufgetreten. Die Zwischenwirbelräume waren deutlich vergrößert und weiches Material quoll scheinbar hervor. Ich dachte sofort an die Nuklei

Pulposi, aber müsste ein Bandscheibenvorfall nicht schmerzhafter sein?

Im Bereich der Lendenwirbel war eine deutliche Tonuserhöhung zu spüren. Einige Lendenwirbel waren verschoben, aber das waren sie bei allen

Kühen, die ich hier palpierte! Ich lockerte den Tonus der umgebenden Muskulatur. Der blockierte Wirbel ließ sich aber nicht reponieren.

Links vor dem Tuber coxae war das Bindegewebe auffällig, auf der rechten Seite nicht.

Ich fragte, ob es bei der Kuh linksliegende innere Organe gäbe, worauf meine Tierärztin gleich meinte, dass da der Pansen liege und die Kuh ein

Problem mit dem Pansen hat. Sehr interessant! Sie hörte den Pansen vor und nach meiner Bindegewebsmassage ab. Direkt danach war er genauso

schlecht, allerdings war nun auch noch ein deutliches Lebergeräusch zu hören.

Leider mussten wir dann aus Zeitgründen wieder los.

Mein Fazit:

- Die Kühe fanden die Behandlung alle toll, sagten aber auch deutlich wenn es reichte.

- Die Unterschiede zwischen den Rassen sind unglaublich. Die Holstein-Friesian hatten allesamt eine Wirbelsäule, wie sie in keinem

Lehrbuch zu finden ist. Die Lendenwirbelsäule schien teils wie das Kreuzbein miteinander verwachsen. Muskulatur war an der gesamten

Oberlinie praktisch kaum vorhanden.

Das "normale" Fleckvieh dagegen war normal bemuskelt.

- Der Tonus im Lendenbereich war bei allen Kühen sehr hoch - das lässt sich vielleicht durch das schwere Euter erklären.

- Die Wirbelsäulen waren absolut merkwürdig zu palpieren. Manche Zwischenwirbelräume waren fingerbreit, andere Wirbel schienen fast

verwachsen (LWS). Hier wäre das Sezieren mehrerer Kühe sicher sehr interessant.

- Insgesamt war wenig Zeit die Kühe genauer zu befunden.

- Mobilisationen gelangen keine, auf die Massagen sprachen die Kühe gut an, aber ein Landwirt ist natürlich an einem sichtbaren Erfolg interessiert.


- Was für ein Schmerzverhalten haben Kühe? Bei den teils festgestellten Befunden hätten sie teils Schmerzen zeigen müssen, taten das aber nicht. Bei der Kuh mit dem "Buckel" zeigte sich Schmerzhaftigkeit auf die Reflexe, da sagte sie deutlich "es reicht" (erst Ohren gekippt, dann weiß in den Augen, dann Kopf geschlagen, dann Flucht).

Ertragen Kühe chronischen Schmerz scheinbar stoisch und reagieren mehr auf neuen, akuten Schmerz?


Hat von Euch jemand Erfahrung mit Kühen? Habt ihr vielleicht Ideen und Anregungen, wie man die Kühe noch behandeln könnte? Nächste

Woche fahren wir wieder los und wollen mal Elektrotherapie ausprobieren.


Für Anregungen, Ideen und Fragen bin ich dankbar.


Es gibt bisher keine Physiotherapie bei Kühen, meine Tierärztin ist sich sicher, dass es hier Bedarf gibt. Die Bauern waren sehr aufgeschlossen, ein Amtstierarzt der zufällig von Amtswegen da war, fragte mich gleich, ob ich darüber nicht Vorträge halten möchte.


Es gibt keine mir bekannte Literatur zu dem Thema, und wohl auch keine Kollegen, die entsprechend arbeiten. Falls ihr zu dem Thema etwas wisst, oder jemanden kennt, der schon mit Kühen gearbeitet hat - immer her mit den Infos!


Ich halte Euch weiter auf dem Laufenden


Dank, Anke anke.wiedenroth@t-online.de


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